PLUTAnews Ausgabe 2
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Der vorläufige Gläubigerausschuss – Chance oder Risiko?

Mai 2012

Auf den ersten Blick haben Castingshows und die Insolvenzverwaltung nichts gemein. Doch mit dem ESUG kann der vorläufi ge Gläubigerausschuss durchaus in die Rolle eines Jurors à la Dieter Bohlen schlüpfen. Denn er darf nicht nur einen vorläufigen Insolvenzverwalter vorschlagen oder ablehnen. Bei einem einstimmigen Beschluss ist sein Vorschlag sogar bindend. Muss der Insolvenzverwalter also bald zum Casting?

Karikatur - Der vorläufige Gläubigerausschuss

In der Praxis spielt das Vorsingen oder Schaulaufen noch keine Rolle. Vielmehr eröffnet die neue Regelung Chancen – aber auch Risiken. Nachfolgend ein Überblick über die wichtigsten Neuerungen:

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Löhne per Kredit vom Arbeitsamt

Im Falle einer Insolvenz müssen Mitarbeiter oftmals bis zur Eröffnung des Verfahrens warten, um ihr Gehalt zu bekommen. Mit der Insolvenzgeldvorfinanzierung können Verwalter aber auch einen Kredit aufnehmen und direkt das fällige Geld auszahlen. Der Kredit wird dann mit dem Insolvenzgeld der Bundesagentur für Arbeit getilgt.

Eine solche Vorfinanzierung setzt allerdings deren Einverständnis voraus. Zudem achtet die Bundesagentur für Arbeit auf eine positive Sanierungsprognose, die den Erhalt möglichst vieler Arbeitsplätze verspricht.

Die Bundesagentur für Arbeit erreichen jährlich rund 2.000 Sammelanträge auf Insolvenzgeldvorfinanzierung. Insolvenzverwalter wollen also in einem von vierzehn Insolvenzfällen die Lohnzahlung per Kredit nutzen. 2011 stieg die Zahl der betroffenen Mitarbeiter signifikant an – offenkundig ein Zeichen für eine zunehmende Zahl von Insolvenzen größerer Betriebe mit Sanierungschance.

Art20102011Veränderung
Anträge insgesamt2.1992.162-1,7%
Betroffene Personen Antrag68.41280.283+14,8%

Darum prüfe, wer sich lange bindet

In der Regel laufen geschlossene Fonds zehn Jahre. Melden sie vorher Insolvenz an, verlieren die Anleger nicht nur einen Teil beziehungsweise die komplette Einlage. Vielmehr drohen ihnen sogar Rückzahlungen – und das in zwei Fällen: Erstens, wenn ihr Fonds trotz fehlender Gewinne bereits Geld ausgeschüttet hat (man spricht von einer „Rückgewähr der Einlage“, dieses Kapital muss ein Insolvenzverwalter zurückholen) und zweitens, falls der Anleger das gezeichnete Kapital noch nicht vollständig erbracht hat.

Genau vor dieser Herausforderung stehen PLUTA-Insolvenzverwalter derzeit gleich in mehreren Fällen. Der Münchener Geschäftsführer Stephan Ammann gab hierzu im März 2012 ein Interview in der Wirtschaftswoche. Er riet jedem Anleger vor diesem Hintergrund nachdrücklich, die bisherigen Leistungen seines Fondsanbieters zu prüfen. Zudem sei darauf zu achten, dass das investierte Geld über den Fonds direkt in Sachwerte fließe und nicht im Wesentlichen in Form von Provisionszahlungen an Vermittler.

PLUTAaktuell

Hannover braut weiter

Die Deutschen trinken immer weniger Bier. Das bekamen zwei Brauereien aus Niedersachsen zu spüren. Insolvenzverwalter Torsten Gutmann brachte die Brauhäuser wieder auf Kurs – und konnte so die Versorgung der Region Hannover mit über 100.000 Hektoliter Bier jährlich sicherstellen.

Hannover Anfang Mai verkaufte Insolvenzverwalter Gutmann die HBX Stadtbrauerei am Aegi an eine Gaststätte im Umland von Hannover – und konnte alle 58 Arbeitsplätze erhalten. Ein solcher Erfolg gelang ihm damit zum zweiten Mal binnen eines Jahres. Denn zuvor hatte RA Gutmann bereits die 1868 gegründete Brauerei Herrenhausen veräußert. Ein Unternehmen der Privatbrauerei Wittingen übernahm alle 73 Mitarbeiter, die nun wieder erfolgreich das Hannoveraner Traditionsbier „Herri“ brauen. Der Insolvenzverwalter rechnet hier mit einer Quote von 34 %. Aktuell steht die erste Abschlagszahlung für die Gläubiger an – die Ausschüttung erfolgt in Euro, nicht in Hektoliter.

Mit Spürsinn zum Erfolg

Osnabrück 300.000 Euro holte Insolvenzverwalter RA Marc Daniel Schulz in einer bis dahin masselosen „Firmenbestattungs-Insolvenz“ für seine Gläubiger raus, indem er mit Hilfe der Staatsanwaltschaft Unstimmigkeiten im Vorfeld der Insolvenz aufdeckte. Wie immer bei Firmenbestattungen waren fast alle Unterlagen verschwunden. Nur einzelne Dokumente ließen erkennen, dass eine Limited aus Hongkong kurz vor Antragstellung Geld für angeblich eigene Leistungen von einem großen deutschen Textilunternehmen erhalten hatte.

Nach langen Ermittlungen gelang es dem Fachanwalt für Insolvenzrecht, mit seinem Team darzulegen, dass die Limited rechtlich noch nicht existent war und in Wahrheit der Schuldnerin das Geld zustand. RA Schulz brachte den Fall vor das Landgericht – mit Erfolg!

Neue Zertifizierung und neue Büros

Die Kanzlei PLUTA hat für ihre Büros in Stuttgart und Ulm die Zertifizierung nach InsO Excellence erhalten. Diese Weiterentwicklung der bekannten Qualitätsmanagement-Zertifizierungen ISO 9001 und InsO 9001 ist ausschließlich Mitgliedern des Gravenbrucher Kreises, einem Zusammenschluss der führenden deutschen Insolvenzkanzleien, vorbehalten. Die Zertifizierung gilt mit ihren 220 Prüfungspunkten als eine der schwierigsten der Branche.

Währenddessen wächst das Netzwerk der Niederlassungen weiter. Neuerdings ist die Kanzlei PLUTA auch in Augsburg vertreten. Die Leitung des neuen Büros übernimmt der Spezialist für Insolvenzrecht RA Georg Jakob Stemshorn. In Koblenz bezogen WP/StB Frank Mößle und seine Kollegen neue Räumlichkeiten.

Licht aus bei EnerGen Süd

Ulm Die EnerGen Süd, eine 2007 gegründete Genossenschaft, liefert seit März 2012 ihren 45.000 Kunden kein Gas und auch keinen Strom mehr. Nachdem die Genossenschaft 2011 Steuern und gesetzliche Abgaben nicht vollständig über den Preis an ihre Kunden weitergereicht hatte, blieb nur die Option der Insolvenz. Der vorläufige Insolvenzverwalter RA Michael Pluta stoppte Ende Februar zum Schutz der Kunden deren Abschlagszahlungen an das Unternehmen und beendete damit die Lieferbeziehung. Der Grund waren branchenübliche Vorkasse-Forderungen der Netzbetreiber, die selbst ein gesundes Unternehmen vor große Herausforderungen gestellt hätten.

Trotz des Lieferstopps musste keiner der 45.000 Kunden im Dunklen oder Kalten sitzen; die Umstellung auf die Grundversorger lief reibungslos. Das Team des Insolvenzverwalters muss jetzt noch die Abstimmung mit 560 Netzbetreibern vornehmen und die Endabrechnungen für alle Kunden erstellen. Trotz hohen Aufwandes soll dies binnen weniger Monate erledigt sein.

Hohe Quoten für die Gläubiger

Bei einer Insolvenz in Deutschland liegt die durchschnittliche Quote für die Gläubiger bei 2 bis 4 %. PLUTA-Insolvenzverwalter erzielten indes in den vergangenen Monaten gleich mehrmals wesentlich höhere Quoten. So konnte Insolvenzverwalter RA Christoph Wagner bei der Integra GmbH, einer gemeinnützigen Gesellschaft für Arbeit und Qualifi zierung aus Mögglingen, eine Insolvenzquote von 64,4 % erreichen. Im Fall des Modeunternehmens Wissmach, welches Insolvenzverwalter Michael Pluta erfolgreich an Gerry Weber veräußert hat, steht voraussichtlich im Juli eine erste Quotenzahlung von 50 % an; erwartet wird eine Insolvenzquote von mindestens 70 %.

Ein besonderes Kunststück gelang RA Pluta bei der BenQTochter Inservio. Hier erreichte er eine Quote von 100 %, also die komplette Rückzahlung aller Forderungen. Dies gelang vor allem durch den Erhalt des Servicebetriebes, den Verkauf einzelner Betriebsteile sowie die erfolgreiche Rückforderung von Steuerzahlungen in 34 Ländern.

Neustart mit Sachwalter

Leipzig Nach der Aufhebung der Insolvenzverfahren und der Übernahme durch die dänische Vester Kopi kann die RT-Reprotechnik- Gruppe nach vorne blicken.

Die deutschlandweit größte Reprografie-Kette mit 220 Mitarbeitern hatte im März 2011 Insolvenzanträge für ihre Gesellschaften gestellt und die Anordnung der Eigenverwaltung beantragt. Der zum Sachwalter bestellte PLUTA-Rechtsanwalt und Steuerberater Michael Schoor führte den Geschäftsbetrieb danach gemeinsam mit dem Eigenverwalter fort und erntet jetzt die Früchte seiner Beharrlichkeit.

So erteilte die Deutsche Bahn erst jüngst einen Auftrag an gleich acht Standorten. Im März konnte der Sachwalter zudem eine Quote von 21,3 % an die Gläubiger ausschütten.

Gemeinsam zu einer großen Lösung

Regensburg PLUTA-Insolvenzverwalter Dr. Martin Prager und sein Kollege Hanns Pöllmann von der gleichnamigen Kanzlei haben in enger Zusammenarbeit eine große Lösung für die insolvente Reinhold Meister-Gruppe gefunden. Die mittelständische Baufirma hatte im November 2011 mit sechs ihrer Tochterunternehmen Insolvenz angemeldet. Nach langen Verhandlungen mit potenziellen Investoren stimmte der Gläubigerausschuss dem Verkauf an die österreichische Unternehmensgruppe Felbermayr zu. Der Verkauf sichert insgesamt 230 Arbeitsplätze.

Vom hohen Norden in die ganze Welt

Würzburg Die Finn Karelia Mode GmbH beliefert im vorläufigen Insolvenzverfahren den europäischen Einzelhandel weiter mit Sommerkollektionen. Der Modegroßhandel mit Sitz in Zell bei Würzburg ist ein Tochterunternehmen der finnischen Virke Oy, die in ihrem Heimatland ebenfalls unter Insolvenzverwaltung steht.

Bei der Suche nach einer möglichen Lösung für die deutsche Tochter eines Unternehmens aus dem hohen Norden agiert Insolvenzverwalter RA Christoph Wagner global – und führt Gespräche selbst mit Interessenten aus dem Fernen Osten.

Dialog: Interview mit Stephan Ammann

„Das als richtig Erkannte schnell und frei umsetzen.“

Aus welchem Grund wurden Sie Insolvenzverwalter?
Das hat sich mehr zufällig aus der Situation heraus ergeben. Schnell habe ich jedoch gemerkt, dass meine vorherigen Tätigkeiten in einer internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und anschließend in der Industrie eine ideale Basis für meine jetzige Tätigkeit bilden.

Was gefällt Ihnen besonders an diesem Beruf?
Ich schätze die Möglichkeit, das als richtig Erkannte schnell und frei umsetzen zu können. Selbst Gesellschafter- Geschäftsführer sind in ihrer Arbeit in der Regel größeren Restriktionen als Insolvenzverwalter unterworfen.

Und was stört Sie?
Wenn gute Lösungen an der Unvernunft und dem Egoismus Einzelner scheitern.

An welches Verfahren erinnern Sie sich besonders gerne?
An die Insolvenz eines Bauunternehmens. Dort konnte ich beispielhaft gut mit dem Gesellschafter – der gleichzeitig Geschäftsführer war – und dem Käufer zusammenarbeiten. Wir zogen alle an einem Strang und kamen zu einem sehr guten Ergebnis für alle Beteiligten. Auch für den Unternehmer selbst.

Welcher Fall hat Sie am wenigsten abschalten lassen?
Bei BenQ Mobile hat sich die „heiße Phase“ über fast sechs Monate hingezogen. Aber das außerordentlich gute Ergebnis hat den hohen Einsatz aller Beteiligten mehr als gerechtfertigt.

Wie schalten Sie am besten ab?
Beim Segeln.

Eine aktuelle Frage zum Schluss: Wie ist Ihre Einschätzung zum ESUG?
Wichtig wird sein, nicht die in § 1 der Insolvenzordnung definierten Ziele aus den Augen zu verlieren: Gläubigerbefriedigung. Ansonsten drohen sich die Schwerpunkte in Richtung der Unternehmerinteressen und der sonstigen Stakeholder zu verschieben. Daher gilt es, die Unabhängigkeit des Insolvenzverwalters zu bewahren. Richtig ist aber auch, dass es Fälle gibt, in denen sich Gläubigerbefriedigung und Gesellschafterinteressen nicht widersprechen und das Schutzschirmverfahren daher ein sehr geeignetes Sanierungsinstrument sein kann.

Stephan Ammann

Stephan Ammann
Rechtsanwalt, Steuerberater

Zur Person

Seit 1. Mai 2012 ist Stephan Ammann (48) zehnter Geschäftsführer der PLUTA Rechtsanwalts GmbH. Der Rechtsanwalt und Steuerberater ist seit 2001 für das Unternehmen tätig und konzentriert sich auf die Region Bayern und den Standort München.

PLUTAkurios

Schreiben eines Schuldners

Nach Absprache mit meinem Rechtsanwalt haben Sie keinen Anspruch auf mein Quad. Ich bin rechtlich die Besitzerin und die Eigentümerin dieses Fahrzeugs!!! Das Fahrzeug ist schließlich auch nicht mehr auf dem neuesten technischen Stand, es ist eine alte Kiste und Sie wollen diese auch noch zurückholen?

Zukünftig möchte ich in diese Angelegenheiten nicht mehr mit reingezogen werden, bitte respektieren Sie das und belästigen Sie mich nicht mehr, sonst kommt mein Zeitmanagement durcheinander!

Unsere Empfehlung:
Kein Quad fahren spart auch viel Zeit.

Hinweise
PLUTAnews erscheint dreimal jährlich mit aktuellen Branchen Insights der Sanierungs- und Restrukturierungsbranche. Nachdruck und Vervielfältigungen sind nur mit vorheriger Genehmigung von PLUTA gestattet.

Zu den Bildnachweisen

Redaktion
Dr. S. Laubereau
M. Pluta