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Krise im Maschinenbau: Welche Sanierungswerkzeuge noch greifen

Finance TV

Viele Maschinenbauer wissen, was zu tun ist, dennoch scheitern Sanierungsmaßnahmen oft an der Umsetzung. Das stellt PLUTA Experte Ludwig Stern in der Praxis fest und geht darauf im Interview mit Finance TV ein. Entscheidend sind eine integrierte Unternehmensplanung und ein professionelles Steuerungstool, um dem Trend nach unten gegenzusteuern.

Ludwig Stern
Ludwig SternGesellschafter PLUTA Management GmbH

MH: Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von Finance TV, in der wir uns heute einer der Kernbranchen des deutschen Mittelstands widmen: dem Maschinenbau.

Anders als nach der Finanzkrise oder der Corona-Zeit ist die Branche nach der Ukraine-Krise nicht wieder in den Tritt gekommen. Inzwischen häufen sich auch dort die Sanierungs- und Insolvenzfälle. Wie schlimm ist die Lage in dieser Vorzeigebranche des deutschen Mittelstands, und welche Sanierungsschritte greifen in dieser schwierigen Lage überhaupt noch?

Das bespreche ich heute mit meinem Studiogast Ludwig Stern. Er ist Partner der Kanzlei PLUTA, dem Sponsor dieser Sendung, und ich freue mich sehr, dass er heute bei uns ist. Herzlich willkommen, Herr Stern.

Die Chemiebranche hat infolge des Irankriegs ja eine Art Sonderkonjunktur erlebt, weil die asiatischen Konkurrenten wegen Rohstoffmangels nicht richtig produzieren konnten. Hat auch die Maschinenbaubranche in Deutschland zwischenzeitlich Rückenwind gehabt?

LS: Das ist ein heterogenes Bild, ich kann es nicht über die ganze Branche spannen. Es gibt durchaus Bereiche im Maschinenbau, die gut laufen und eine Sonderkonjunktur haben. Aber es gibt auch das genaue Gegenteil: Maschinenbauer, die für die Automotive-Industrie arbeiten, hängen hinterher. Für die sieht es einfach schlecht aus, und das Bild hat sich nicht aufgehellt.

MH: Welche Teile des Maschinenbaus laufen im Moment – außer denen mit Automotive-Exposure – noch schwierig beziehungsweise tun sich schwer?

LS: Alles, was Commodity ist, alles, was einfache Teile zum Herstellen sind. Hier ist der Wettbewerbsdruck aus Asien immens stark geworden, die haben technologisch wahnsinnig aufgeholt. Und wenn keine Spezialisierung dabei ist, dann bleibt es hier schwierig.

MH: Finden Sie als Sanierer bei diesen Unternehmen immer noch Situationen vor, die sich aus eigener Kraft sanieren lassen, oder braucht es mittlerweile für einen Turnaround Rückenwind vom Markt?

LS: Es gibt durchaus immer noch Unternehmen, in denen wir Wege finden, sich selbst zu sanieren, ohne Rückenwind aus dem Markt. Das ist meistens dann der Fall, wenn das Management davor nicht optimal war. Es gibt aber auch diejenigen, die eigentlich gut geführt wurden und ohne Rückenwind aus dem Markt nicht mehr sanierbar sind.

MH: Welche Sanierungsmaßnahmen greifen denn noch bei Maschinenbauern beziehungsweise welche greifen im Moment recht gut?

LS: Es greifen wie immer der Abbau des Personalüberhangs, der meist vorhanden ist, und die bessere Kapazitätssteuerung.

Die einfachen Dinge, Kosteneinsparungen, funktionieren bei vielen tatsächlich immer noch, weil man sich aus den guten Zeiten abgewöhnt hat, seine Kapazitäten anzupassen, wenn es wieder schlechter läuft. Hier ist also immer noch Potenzial vorhanden, um das Ganze zu heilen.

MH: Einen nachhaltigen strukturellen Marktrückgang hinterherzusparen, ist ja meistens nicht das Mittel der Wahl. Sehen Sie auch Möglichkeiten auf der Umsatz- oder der Preisseite – sind das Dinge, die Sie manchmal versuchen, noch positiv zu beeinflussen?

LS: Ja, auf der Preisseite vor allen Dingen dann, wenn wir feststellen, dass die Kunden immer noch in einer Abhängigkeitsposition sind. Da muss man sich schon fragen: Warum veräußern wir manche Maschinen noch zu billig?

Bei anderen Maschinen dagegen, wo es starken Wettbewerb gibt, kann man nichts mehr mit dem Preis machen. Dann sagt der Kunde: Okay, habe ich verstanden, eine Maschine von der Stange – dann gehe ich zum Asiaten, der mir das für den halben Preis macht.

MH: Welchen negativen Einfluss haben denn die US-Zölle auf das Thema Preis als Hebel gehabt? Da ist ja noch ein ordentlicher Preisaufschlag draufgekommen, allein durch die Zölle. Damit dürfte in einem absoluten Schlüsselmarkt der Preisspielraum für die meisten Maschinenbauer praktisch eliminiert worden sein.

LS: Der ist in den USA komplett erledigt. Die USA waren wieder ein stark wachsender Markt für die deutschen Maschinenbauer, dort ging es vorwärts.

Jetzt ist es natürlich umso schwerer, Preise zu erhöhen, weil die Preiserhöhung automatisch durch den Zoll kam. Beziehungsweise sprechen wir eher von einer Preisreduktion, damit nicht die amerikanischen Hersteller wieder wettbewerbsfähig werden – auch wenn deren Maschine vielleicht schlechter ist, haben sie an der Stelle einen absoluten Preisvorteil. Von Preiserhöhungen sehe ich im Moment also keine großen Chancen, dass man das im US-Markt unterbringt.

MH: Hätte man da nicht die Zölle nutzen können, um sozusagen unter dem Deckmantel dieser Zölle noch ein paar Prozent extra draufzuschlagen – so wie es zum Beispiel die Tankstellen bei steigenden Rohölpreisen ab und zu machen?

LS: Bei denen funktioniert das tatsächlich. Der Kunde des Maschinenbauers aber kennt die Maschinen, hat vielleicht auch noch Angebote von vor ein paar Monaten vorliegen und kann relativ simpel ausrechnen, was durch den Zoll obendrauf kommt. Und man verliert eher Vertrauen, wenn man versucht, dem potenziellen Kunden da noch etwas unterzujubeln.

Unsere Erfahrung ist, offen mit dem Thema umzugehen: Wie bleibt man trotz der Preiserhöhung durch den Zoll wettbewerbsfähig, was kann man tun? Aber hier etwas zu verstecken, ist tatsächlich schwierig.

MH: Wie sieht es mit Standortverlagerung aus – wird das inzwischen wieder häufiger gemacht?

LS: Ja, in dem Sinne, dass Teilbereiche eines Maschinenbauers verlagert werden – etwa eine Fertigung oder eine Eisen- und Metallbearbeitung, die nicht die Kernkompetenz des Maschinenbauers ist.

Entweder, wenn ich es weiter selbst machen will, indem ich es im Werk in Osteuropa produziere, oder auch, indem ich meine Lieferanten direkt vor Ort suche und mir den ganzen Aufwand spare, das Werk zu verlagern – stattdessen baue ich mir einen Lieferanten an der Stelle auf.

MH: Ist das Ihrer Erfahrung nach sinnvoll in einer so qualitätsgetriebenen Branche wie dem Maschinenbau?

LS: Auch da ein differenziertes Bild. Ja, es gibt auch im Maschinenbau Teile, die an sich einfach sind und in denen nicht viel Kompetenz steckt. Die Kompetenz steckt im Assembly, in der Montage, im Zusammenspiel der einzelnen Komponenten der Maschine. Das ist die Kernkompetenz, die man nicht verlagern kann.

Aber einzelne Teile sich zuliefern zu lassen – da steckt keine Kernkompetenz drin, und da gibt es immer noch durchaus Chancen, Ertragsverbesserungen und Kosteneinsparungen zu heben.

MH: Aus Sanierungssicht hat der Maschinenbau ja einen großen Vorteil: diese langen Vorlaufzeiten. Es sind teilweise Quartale, die zwischen Auftragseingang und Umsatzrealisierung vergehen. Das heißt ja auch, dass man anders als andere Branchen selten von heute auf morgen einen Strömungsabriss hat und plötzlich vor dem Nichts steht, weil die Bestellungen ausbleiben.

Nutzen die Manager im Maschinenbau das Ihrer Erfahrung nach, um vorausschauend und frühzeitig eine Restrukturierung einzuleiten, oder bleibt man doch eher beim Prinzip Hoffnung nach dem Motto: Na ja, die Auftragseingänge werden in ein paar Monaten schon wieder anziehen?

LS: Das ist schön zu beobachten: Diesen Auftragseingang und was er nach vorne raus bedeutet, haben eigentlich nahezu alle Manager auf dem Schirm. Da gibt es natürlich immer eine gewisse zeitliche Differenz, in der man sagt: Okay, jetzt warten wir noch, bevor wir Maßnahmen ergreifen, denn ein neuer Auftragseingang könnte das Loch noch füllen, weil ich noch weit genug weg bin.

Es gibt aber einen sogenannten Point of no Return – fast wie beim Fliegen –, an dem ich sehe: Selbst wenn heute die Aufträge kommen, kriege ich meine Löcher nicht mehr gefüllt. Und an der Stelle muss man handeln, und zwar schnell. Das haben alle auf dem Schirm, aber das tatsächliche Handeln bekommen dann viele nicht umgesetzt.

Und da liegt die Chance des Sanierungsberaters – und auch die Chance für die Geschäftsführung, sich einen Sanierungsberater an Bord zu holen, der sie dabei unterstützt und die unangenehmen Themen tatsächlich angeht. Denn ich verstehe durchaus einen Geschäftsführer oder Vorstand, der sagt: Das ist doch Wahnsinn, jetzt Kapazitäten abzubauen, die ich gerade angelernt habe, die das können, die diese Kernkompetenzen haben, die ich suche – und jetzt muss ich sie wegen eines vermutlich temporären Lochs abbauen.

Da kommt die Gegenfrage des Sanierungsberaters: Kannst du dir das leisten, lieber Geschäftsführer, monetär leisten, dieses Loch mit deinem eigenen Geld, mit dem Geld des Unternehmens zu füllen? Dafür braucht es eine integrierte Planung, dafür brauchst du Steuerungstools.

Und wenn man das mit Ja beantworten kann, dann sucht man andere Maßnahmen. Muss man es mit Nein beantworten, dann muss man diesen schmerzhaften Weg gehen und die Kapazitäten anpassen – auch wenn man dann sagt: Wenn es wieder bergauf geht, muss ich mir mühsam wieder Leute suchen, sie ausbilden, anlernen und dahin bringen, wo ich jetzt schon eine gut funktionierende Mannschaft habe.

MH: In der Vergangenheit hatte der Maschinenbau bei der Sanierung noch einen anderen Vorteil: Dadurch, dass die Unternehmen sehr spezialisiert waren und eine sehr gute Marktposition hatten, war es vergleichsweise leicht, einen Käufer zu finden – entweder vor der Insolvenz oder danach einen neuen Eigentümer.

Ist das jetzt in der Krise immer noch so, oder hat sich das Interesse am M&A-Markt nach deutschen Maschinenbauern deutlich abgekühlt?

LS: Das Interesse ist nicht abgekühlt. Was man merkt: Überall bei Maschinenbauern, wo Automotive als Kunde dahintersteht, ist das Interesse tatsächlich partiell massiv abgekühlt. Denn da strahlt diese Automotive-Branche ab, die im Moment als Krisenbranche identifiziert wird – nicht sexy, nicht zukunftsfähig in Deutschland. Das schreckt Investoren tatsächlich ab, auch bei Maschinenbauern, die hauptsächlich in die Automotive-Branche liefern.

Ein zweites Hindernis, das wir jetzt des Öfteren sehen, ist, dass die Genehmigungen für ausländische Käufer deutscher Maschinenbauer nicht kommen. Hier macht sich der große Wandel in der Politik stark bemerkbar. Wie es weitergeht, weiß keiner so genau, und man merkt: Die politischen Stellen sind nicht immer bereit, ausländische Käufer einfach durchzuwinken.

Und das macht es natürlich schwer und begrenzt auch den Käufermarkt. So scheitern Transaktionen, die eigentlich, wenn ich es international betrachte, immer noch gangbar wären.

MH: Ein interessantes Bild – sozusagen ein Zeichen der Sterne: Der Maschinenbau ist zu einer Branche geworden, in der Sanierungen sehr viel komplexer und schwieriger geworden sind als in der Vergangenheit.

Ich habe zum Schluss noch drei schnelle Fragen von Finance TV für Sie mitgebracht, mit der Bitte um eine ganz kurze Antwort, gerne ja oder nein – zum Beispiel bei dieser Frage: Hat die Mehrzahl der Maschinenbauer in Deutschland Ihrer Meinung nach die Talsohle inzwischen durchschritten?

LS: Ja.

MH: Zweite Frage, ebenfalls ja oder nein: Haben normale Private-Equity-Investoren – also nicht die Turnaround-Fonds – der Branche dauerhaft den Rücken gekehrt?

LS: Nein.

MH: Und eine letzte Frage, da hätte ich gerne einen Tipp von Ihnen: Welche Subbranche im Maschinenbau könnte in den nächsten ein, zwei Jahren positiv überraschen und eine Art Comeback des Jahres hinlegen?

LS: Alles, wo die Medizintechnik dahintersteht.

MH: Danke für diese Einschätzung – Ludwig Stern von PLUTA bei Finance TV zum Thema Maschinenbau. Danke, dass Sie da waren.

LS: Sehr gerne.

MH: Und danke auch Ihnen für Ihre Zeit. Wir freuen uns, wenn Sie das nächste Mal wieder bei Finance TV dabei sind. Bis dahin wünschen wir Ihnen alles Gute und eine gute Zeit. Bleiben Sie gesund. Auf bald.

Michael Hedtstück
Michael HedtstückModerator FINANCE TV